Einführung zum Orchesterwerk KLÄNG

Das ältere Orchesterwerk ULTIMATUM lebte vor allem von einer hohen Dichte. Eine grosse Menge von Informationen wurde in kürzester musikalischer Zeit formuliert, einem geistigen Stresszustand ähnlich. Hier ist die Ausgangssituation diametral. Einziger Rahmen war der vorgegebene eines sinfonischen Werkes für die Elblandphilharmonie Riesa, somit also in Zeitdauer und Besetzung festgelegt. Es gab keine "idée fixe", keinen literarischen Hintergrund, keine ausformulierte Großform. Zu Beginn der Komposition KLÄNG lagen lediglich fünf Akkorde vor mir, die ich nichts weiter als "schön" fand. Abstrakter, fataler, ungewisser kann ein Start für ein neues Stück kaum sein. Daraus entstanden schnell einige orchestrale "Zustände". Zustände brauchen eine Umgebung, einen Rahmen oder eine innere Entwicklung (womit wieder das Thema Kommunikation gestreift wird). Gleichzeitig kam mir immer wieder in den Sinn, dass dieses Stück das letzte im Rahmen meines Studiums an der Hochschule geschriebenes Werk sein wird. Daher entstand der Gedanke der "musikalischen Visitenkarte", die einen Jetzt-Stand meiner Ideen und Interessen, meiner Vorlieben und meiner bisherigen musikalischen Geschichte formulieren kann. Die Entscheidung für eine nahezu datenartige Reihung ließ extreme Gegensätze zu, die orchestralen Zustände sind "Standbilder", die sich ablösen und fest abgesteckte Klangräume bilden. Deutlich verabschiedet sich das Stück von dem Ideal der Originalität und der Darstellung persönlicher Befindlichkeiten. Diese beiden kompositorischen Ausgangspunkte spielen in der Musik der letzten 50 Jahre eine große Rolle und sind mir während des Studiums dauerhaft präsent gewesen, vielleicht habe ich genau deswegen dazu eine gewisse Distanz bezogen. Neben der Idee des "Auskunftgebens" gibt es in KLÄNG einen fiktionalen Gedankenstrom, eine über allem stehende, nicht lastende Ruhe, aus der alles heraus formuliert wird. Dies gab dem Stück auch seinen Titel: irgendwo zwischen Klang und Klängen steht dieses Stück. Die neue Wortschöpfung weist auf den Zustandscharakter der Strukturen hin. Es entstanden große Tutti-Flächen, die sprechen wollen, Sätze bilden, durch ihre Klangfarbe und Instrumentation Wortwahl und Temperament gestalten. Zwei Arten von Tutti-Komposition wurden gestaltet: ein statisches Tutti präsentiert einen Klang oder Akkordfolgen, die kein Ziel erhalten, sondern nur repetitive Impulse oder registerartige Instrumentationswechsel erfahren. Diese Teile werden abgelöst von bewegtem Tutti, in welchem Melodiegestaltung, harmonische Verästelung und dynamische Entwicklung eine große Rolle spielt. Neben den beiden Ebenen des statischen und des bewegten Tuttis gibt es eine dritte Ebene, die sehr offen und direkt zurück auf das Thema "Visitenkarte" eingeht: es sind orchestrale Fremdwelten. In meinen Werken kann und mag ich nicht trennen zwischen dem inneren Ohr, das erlebte Musik speichert, und dem (gleichen) inneren Ohr, das Musik erzeugt. Somit sind in dieser Ebene ohrenscheinlich bekannte Klangräume entstanden, die sich teils sehr offen, teils in vorsichtiger Gestik mit Tradition, geschriebener Musik oder bestimmten Stilistiken auseinandersetzen. So ist beispielsweise der ganze erste Teil des Werkes zunächst im Vordergrund eine höchst kühle, bildhauerartige Ansammlung von stark dissonanten Akkordflächen. Verdeckt in lang gehaltenen Tönen der Violinen, in der Abschlussfermate und in einigen Hornpassagen erscheint aber parallel ein Klangraum, der in die Welt von Gustav Mahler gehört. Dieser Komponist war sofort ein Bezugspunkt, als noch keine Noten von KLÄNG geschrieben waren. Die Aktualität seiner Musik ist unumstritten, seine Gestik mir sowieso nahe, und was braucht die zeitgenössische Musik mehr als eine Welt von Visionen, zu der auch das "Unaussprechliche", die Welt in der Welt gehört. Die Beschäftigung mit Mahler findet sich in mehreren kleinen Gesten oder harmonischen Wendungen im Stück wieder, vor allem aber in melodischer Hinsicht - kaum einem anderen Komponisten ist eine Melodik gelungen, die, von Phrasen und Refraingesetzen losgelöst, einen Raum ausfüllt, eine Zeit erlebbar macht und den Zuhörer durch ein Stück nahezu "trägt". In KLÄNG ist diese Melodik, wenn sie überhaupt zitiert erscheint, entweder in eine Ewigkeit überdehnt oder zu Fragmenten verkürzt - Versuch, eine neue Erzählzeit zu finden ? Mahler-nah ist ebenfalls die Hinwendung in diesem Werk zu gewissen grotesken Elementen, die schon beim ersten Erscheinen übertrieben, aus dem Zusammenhang gerissen, widersprüchlich wirken. Die zunächst "sauber" komponierten statischen und bewegten Flächen bekommen so wiederum eine neue Qualität, werden auf ihre Standfestigkeit hin befragt oder erhalten eine neue Position im Hörhintergrund, wenn das Stück bei einer dieser Grotesken etwa im C-Dur-Gewitter eines sinfonischen Glockenläutens angekommen ist. Die Beschäftigung mit den Glocken gehört ebenfalls zum "ist-Stand" der orchestralen Visitenkarte, seit neuestem wohne ich nahe einer Kirche. Als akustisch empfindender Mensch ist die Auseinandersetzung mit dem Geläut unumgänglich, die ersten Nachforschungen ergaben: die Kirche klingelt auf "unsauber Gis und Fis" (und zwar alle Viertelstunde). Weiteres Graben im weiten Feld des Glockenläutens ließ mich auf die englische Tradition des "Change Ringings" stoßen - ein regelrechtes Läute-Handwerk, in welchem mit mehreren Glocken von Hand Melodien geläutet werden, dabei kommt es auf den richtigen Schwung der Glocke an, damit kein Ton zu früh und im richtigen Rhythmus erklingt. Eine solche Methode wurde ins Stück übertragen und bildet einen der vielen Tuttiabschnitte. Schließlich ging es noch um einen passenden Schluss dieser Visitenkarte. Explizit für das Riesaer Orchester geschrieben, noch dazu mit dem Abschiedsgedanken im Hinterkopf, entschied ich mich für ein partyähnliches Kehraus. Zufällig stieß ich in einem alten Buch auf einen Artikel über grönländische (juridische) Gesänge, die ein musikbeflissener Polarforscher 1906 versuchte, in europäischen Notensatz zu pressen. Die Freude und fanfarenartige Klarheit dieser Lieder auf nur drei Tönen war geeignet, KLÄNG einen durchweg positiven, rauschenden Schluss zu geben und damit auch zu zeigen: das Sinfonieorchester ist aus kompositorischer Sicht noch lange kein abgenutztes Instrument.