Einführungstext zu "Mehr Licht!"

Wann können wir uns eigentlich sicher sein, dass ein Gedanke zu Ende gedacht ist, ein Entschluss gefasst ist, eine Situation bewältigt? Eigentlich niemals, denn einmal Erlebtes bleibt im Unterbewussten präsent, kehrt wieder als Erinnerung, wird zu späterer Lebenszeit erneut behandelt.
"Mehr Licht" ist die Idee von der Musikalisierung eines Gedankenstroms, vom ersten Geistesblitz bis hin zur Formulierung, bis zum Aussprechen oder In-die-Tat-Umsetzen. Die Zeitspanne, in der solch ein Gedanke wächst, kann wenige Sekunden, aber auch ein Leben dauern. Manche dieser gedanklichen Ideen und Konzepte werden nicht umgesetzt werden können, sie werden verworfen; andere beschäftigen uns ein Leben lang und führen zu dem, was uns als Wesen, als Individuum ausmacht: unsere Interessen, Vorlieben, "Lebensaufgaben".
So ist meine Komposition "Mehr Licht!" der ausgerufene Wunsch nach der Klarheit eines entwickelten Gedankens, der als solches nicht benannt werden muss, man wird ihn hören, er kann in einer Klangfläche ebenso enthalten sein wie im sprachähnlichen Monolog der Solobratsche. Denn für mich kann nichts einen Gedankenvorgang so gut darstellen wie Musik.
"Mehr Licht!" entwickelt Ausdruck über die Betrachtung dieses Prozesses. Genau wie im Gehirn passiert ein ständiges Beleuchten, Infragestellen und Verwerfen - Gedanken laufen parallel und auseinander, bei einigen wird verweilt und ein anderer, der ins Spiel kommt, kann das Werk aufgrund seiner Kraft auf den Kopf stellen.
In dieser sich ständig neu generierenden Musik werden Widersprüche möglich, sie werden fruchtbarer Bestandteil des wachsenden Gesamtwerkes. Im Laufe des Stückes erweitern sich die Perspektiven, gleichzeitig treten fragwürdige Entwicklungen auf der Stelle und verebben schließlich. Die Konzentration auf ein Soloinstrument oder eine Instrumentalfarbe an bestimmten Stellen im Stück birgt Ruhepunkte und melodischen Fluss in sich.
Was einmal geschrieben wurde, ist nicht mehr zusammenhanglos: in musikalischer Zeit hat jedes Geschehen ein Vorher und ein Nachher, es entsteht Form, Gedanken-Klänge türmen sich auf und ein ostinat-sehnendes Streben in Unaussprechliches bahnt sich an. Ein "Ende der Gedanken" wäre absurd, es wäre dem Tod gleichzusetzen (und selbst hier könnte man mir widersprechen), doch das Stück entfaltet sein Finale im Ausdruck einer klanglichen Klarheit, deren offene Betrachtung, und nicht Verständnis mir wichtig ist.

 

Alexander Keuk