(Warum Puschkin?)

Zur Uraufführung dieses Gesangszyklus 1999 in Berlin sprach der Musikwissenschaftler Prof. Gerd Rienäcker einführende Worte zu dieser Komposition:

 

"Warum Puschkin ? – so eine eingeklammerte Überschrift des Liedzyklus, den wir hören werden; es ist eine Frage, die über einen Zyklus geschrieben ist für Sopran, Bariton und Klavier aus eben unserem Jahr 1999. Diese Frage erfährt bereits durch die Auswahl der Texte ihre Begründung, und, ich denke auch, ihre Antwort.
Teilweise sind es Strophen aus Gedichten, teilweise einzelne Zeilen, fragmentarisch – dadurch immer zugespitzt. So finden wir im dritten Teil Fetzen aus zehn und mehr Gedichten; etwa aus „Andrea Chenier“, „Rings Dreck, langweilig, schal“, „Herr, halt den Wahnsinn von mir ab“, „Der Dolch“ usw. Verse und Strophen aus verschiedenen Jahrzehnten - aus der Beziehungszeit und danach, aus den Verbannungsorten - in einen neuen Zusammenhang gestellt, fällt nun ihr Gemeinsames schwer ins Gewicht. Da ist vom Henkersbeil die Rede, das sei der eigentliche Regent; da sind die Opfer, das Henkersbeil ist müde, aber es regiert. Da ist von der Freiheit die Rede, sie sei Gesetz und nicht Gesetzlosigkeit, sie gründe sich auf Gleichheit und auf der Brüderlichkeit. Da gehen Ideale der französischen Revolution, noch gar nicht auf russische Verhältnisse übertragen, und Schreie über die russische Wirklichkeit ineinander. Da ist vom Narrentraum die Rede, denn es scheinen ja wohl Narren zu sein, die solches noch träumen, in jenem Jahrhundert, das Puschkin 1836 als grausames bezeichnen wird. Da ist vom Dreck und von der Langeweile die Rede, vom Ennui und von der Melancholie oder vom Wahnsinn, der einen wohl befallen könnte. Vom Schrei, aber auch, die Forderung der Freiheit vor Augen, von der Ausgeburt des Aufruhrs, der Aufruhr kann kommen, er soll nicht kommen, aber wenn es so weitergeht, könnte er kommen. Vergessen wir nicht, Puschkin war kein Dekabrist. Er war mit Dekabristen befreundet, aber die Revolte hat er nicht akzeptiert. Aber er hat akzeptiert, daß er protestieren muß gegen die Wirklichkeit. Da ist der Schrei, der uns krankt, und da ist, in Erinnerung an „Boris Godunow“, das Volk, das schweigt, oder, ich würde es anders sagen, das sich dann auch manipulieren läßt. Daraus spricht keine Verachtung, sondern Trauer. Manchmal ist es so, als ob Puschkin selbst jener Narr wäre, der im „Boris Godunow“ bei Mussorgskij das letzte Wort hat. All dies wächst zusammen zur großen Klage, über das Hier und Jetzt, über verlorene Illusionen und über heraufziehende Gefahren. Es wächst aber auch zusammen zu einem Glaubensbekenntnis über mehrere Jahrzehnte.
Alexander Keuk komponiert nun keinen Zyklus „a la Mode“, also nicht wie gewohnt, sondern er thematisiert ganz verschiedene Arten. Hanns Eisler spricht von „14 Arten den Regen zu beschreiben“, man könnte sagen: Sechs oder sehr viel mehr Arten, über Puschkin nachzudenken. Nachzudenken über die Texte, darüber, wie man mit dem Text umgehen kann, nachzudenken, wie heute zu singen oder zu sprechen sei, oder beides, nachzudenken, wie heute am Klavier zu musizieren sei, den Sänger zu kontrapunktieren oder ihn zu stützen, nachzudenken, wie die Musik sich zum Wort verhalte. Wir werden ganz merkwürdige, sehr fruchtbare Querstände hören, zu einem leisen Text eine laute Musik und umgekehrt. Dies ist etwas, was Bertold Brecht als „dramaturgischen Kontrapunkt“ bezeichnete, nur hat Brecht das nicht erfunden, das ist uralt. Über ganz verschiedene Arten, mit kompositorischem Material umzugehen, über vieles, was heute, am Ende des Jahrhunderts, verfügbar ist. Auch, über verschiedene Arten, wie Werke gehört und, eine Anweisung weiß es auch, gesehen werden können.
Über dem sechsten Teil steht, da soll ein Fließtext zu lesen sein, (...) sodaß wir lesen und hören können. Also verschiedene Werke, auch verschiedene Arten der Interpretation, ein Bündel von Experimenten also, wenn man den Experimentbegriff nicht nur naturwissenschaftlich und schon gar nicht negativ nimmt. Ich denke, Puschkin angemessen in den bohrenden Fragen und im jähen Wechsel der musikalischen Sprache, der Ton-Art, Tonart symbolisch zu nennen, und voller vertrackter innerer Kontrapunkte, damit wir uns dem Text nicht einfach hingeben. Denn Wachheit ist geboten, Karajan (?) nennt es: „sich wenden“ und zwar nicht wendehalswenden, sondern sehen, was ist, es aufnehmen und darauf hellwach reagieren. Das nun, so würde Theodor Adorno sagen, „ist Oblegenheit der Neuen Musik, wenn es den Namen Neue Musik verdient“, wie könnte in einer nicht heilen Welt eine Musik existieren, die so tut, als ob es keine Risse und Sprünge gäbe. Dies meine wenigen Worte dafür." (Bandprotokoll)