"Als wenn die Welt aus Lego wär"


Orgelmusik in einem Satz

Diese Orgelmusik entstand für ein Konzert in der Dominikanerkirche in Münster/Westfalen, initiiert von Prof. Joachim Dorfmüller (Wilhelms-Universität Münster), uraufgeführt wurde das Stück von dem Komponisten Philipp Maintz. Meine erste Komposition für dieses Instrument ist geprägt von der damaligen intensiven Beschäftigung mit der sog. "Minimal Music", vor allem von der von Philip Glass. Interessant waren damals die beiden Zugänge zu dieser Musik: der emotional hörende Zugang lehnte diese völlig ab. Anders sah es mit der konstruktivistischen Komponente aus - mich interessierten die Phänomene der Wiederholung, des Insistierens auf einem einmal gewählten harmonischen Material, das eben "minimal" verändert wird. Doch im emotionalen Bereich überwieg der (immer noch nicht entkräftete) Vorwurf des Plakativen, Naiven, Un-Geistigen. Ein anderer Komponist beschäftigte mich damals ebenfalls: Nicolaus A. Huber. Dessen stark gestische, komplexe aber niemals artifizielle Musik faszinierte mich. So kam es in "Als wenn die Welt aus Lego wär" zu einer explosiven Mischung. Ich missbrauchte Techniken der Minimal Music, um dessen emotionale Blutleere auf die Spitze zu treiben. Sich totlaufender Konstruktivismus sozusagen. Dazu war Kompositionsdisziplin erforderlich: strengste rhythmische Ordnungen, völlige Reduktion von Tonmaterial, Reduzierung von Ausdruck und Dramatik, stattdessen minmal-suggestive Gesten, die in die Irre jeglicher Erwartungshaltung führen. Die harmonischen und klanglichen Möglichkeiten der Orgel schienen mir dafür geradezu ideal.
Im Schreibprozess verselbständigten und widersprachen sich diese Ideen schnell, sodass nach und nach ein Wechselspiel zwischen gestischer Brutalität und übersteigerter Architektur entstand. Bedeutungslose Einstimmigkeit, hörbar "zu lange" Teilstrecken oder leere Repetitionen verändern das Hörverhalten. Nicht die Abbildungen auf den Karten werden interessant, sondern ob das Kartenhaus hält oder mit Getöse in sich zusammenfällt. Vor dem Hintergrund der beiden erwähnten Komponisten und der eigenen Ideen stellt "Als wenn die Welt auf Lego wär" in meinem OEuvre einen wichtigen Markstein auf dem Weg zur eigenen Sprachfindung in der Musik dar.
(8/2006)